Barriere-Freie und Hansestadt Hamburg ?

Autor: Andreas Bemeleit

Eingemeißelt über dem Rathaus Portal, gekrönt vom Wappen der Freien und Hansestadt Hamburg steht zu lesen:
“Libertatem quam peperere maiores digne studeat servare posteritas”
Sinngemäß ins Deutsche übersetzt: Die Freiheit, die erwarben die Alten, möge die Nachwelt würdig erhalten.

Die Handlungsfreiheit ist der weitestgehende Freiheitsbegriff. Sie ist die Möglichkeit des Menschen, kraft eigener Willensbetätigung ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Von Zeit zu Zeit wird dieses hohe Gut eingeschränkt. Die Grenzen der Freiheit werden schmerzhaft spürbar. Sei es, dass der Mensch sich selber Grenzen setzt oder in besonderer Härte, wenn ihm diese Grenzen von Dritten gesetzt werden.

Von einer die Freiheit einschränkenden Grenze, die einer Vielzahl von Menschen gesetzt worden ist, gibt es aus der Freien und Hansestadt Hamburg zu berichten:
Ein Bürogebäude am nördlichen Elbufer westlich des England-Fährterminals auf einer künstlichen Landzunge am Ufer der Elbe.

Im Jahr 2008 wurde dieses Gebäude von den Lesern der “Welt” und “Welt am Sonntag” zum besten Neubau der vergangenen drei Jahre gewählt.
Dem Architekten Hadi Teherani vom Architekturbüro Bothe Richter Teherani wurde die Auszeichnung vom Redaktionsleiter übergeben.

Die Freie und Hansestadt Hamburg hat in einem Vertrag mit den Investoren vereinbart, dass die Öffentlichkeit den Elbblick vom Dach des Gebäudes aus genießen könne.
Der amtierende Stadtentwicklungssenator Willfried Maier (GAL) verkündete am 22.12.1999 die gute Nachricht.
Sicher werden viele gern am Bug dieses neuen Elbdampfers stehen und in die Ferne blicken.

Viele sind nicht Alle. Damit scheint Willfried Maier in weiser Voraussicht erkannt zu haben, dass zahlreichen Besuchern der Ausblick verwehrt werden wird.

Zu denen, die nur unten stehen und mit neidischen Blicken die steilen Treppen herauf sehen, gehören viele Bürger und Besucher Hamburgs.
Es sind diejenigen, die einen Kinderwagen mit sich führen, die Treppen aus gesundheitlichen Gründen meiden und natürlich all jene, die gar keine Treppen steigen können. Sie alle sind durch eine künstlich geschaffene Barriere in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

Für Willfried Maier ist der Begriff “barrierefrei” kein Fremdwort. In der folgenden Wahlperiode hat er als Abgeordneter in einem Antrag vom 9.3.2005 die Barrierefreie Programmgestaltung des Norddeutschen Rundfunk gefordert. In der Antragsbegründung heißt es unter anderem: “Nur dort, wo Barrierefreiheit besteht, ist auch eine normale Teilnahme von Menschen mit Behinderungen möglich.

Dockland Hamburg Foto: Kai Wörner

Dockland Hamburg Foto: Kai Herrner

Die Redaktion des Stadtführer Hamburg barrierefrei hat in Betracht gezogen, dieses Gebäude mit in die Liste der attraktiven Ausflugsziele aufzunehmen. Die Information, dass es in diesem Gebäude Aufzüge gibt, war schnell gefunden und schien, nach anfänglicher Enttäuschung in Anbetracht der Treppen, eine gute Nachricht zu sein.

Eine schriftliche Anfrage an den Eigentümer, die Robert Vogel GmbH & Co. Kommanditgesellschaft, ob die Aussichtsplattform des Gebäudes mit einem Aufzug zu erreichen sei, wurde eindeutig beantwortet.
Die Aussichtsplattform des Docklands ist fuer Besucher nur ueber die Aussentreppe erreichbar.” so die kurze und ernüchternde Antwort aus dem Büro von Robert Vogel.

Eine Stellungnahme von Robert Vogel ist nicht mehr zu bekommen. Herr Vogel verstarb im September 2008 im Alter von 89 Jahren. Die letzten Jahre war er wegen eines Nervenleiden auf einen Rollstuhl angewiesen.

Für den Stadtführer Hamburg barrierefrei steht die Entscheidung fest. Das Gebäude wird nicht im Stadtführer verzeichnet.

Eine andere Sichtweise hingegen vertritt das Unternehmen Hamburg Tourismus GmbH. Diese beschreibt sich selbst als Dienstleister für den Hamburg-Tourismus. Mehrheitseigner ist mit 40 % die Freie und Hansestadt Hamburg. Auf ihren Internetseiten bewirbt sie das Gebäude „Über den fünf Büroetagen bietet eine öffentliche Aussichtsplattform einen eindrucksvollen Blick über den Strom, die Hafenanlagen und die hier einmündende Süderelbe.

Man kann der Hamburg Tourismus GmbH nicht vorwerfen, dass ihr die Bedürfnisse behinderter Bürger und Touristen nicht am Herzen liegen. Eigens für diese Zielgruppe gibt es einen Bereich innerhalb der Internetseiten „Hamburg erleben ohne Barrieren“. In der Rubrik „Tipps“ werden Hinweise auf andere Dienstleister gegeben. Dass diese Seite durch ein Foto geschmückt wird, dass einen Rollstuhlfahrer einsam vor den Stufen dieses Gebäudes in die Ferne blickend zeigt, kann als eine Reisewarnung für Behinderte verstanden werden. Möglicherweise entspringt es nur der Ignoranz des zuständigen Bildredakteurs. Bei genauerer Kenntnis der Situation ist es mehr als zynisch.

Städtereisen sind ein wachsendes Segment in der Touristikbranche. Die zahlenmäßig wachsende Gruppe der Senioren und Menschen mit Einschränkungen verfügt über Zeit.
An touristischen Angeboten, die ihre Bedürfnisse berücksichtigen, sind sie interessiert und auch bereit, eine passende Leistung entsprechend zu honorieren.

Die Freie und Hansestadt Hamburg hat die Freiheit zu entscheiden, wie sie mit dieser Entwicklung umgehen und wie Hamburg diese potenziellen Besucher empfangen will.
Doch auch jeder der eine Reise plant, hat die Freiheit zu entscheiden, ob er am geplanten Reiseziel willkommen sein wird. Wem schon bei der Planung seiner Reise offensichtliche Barrieren auffallen, wird sich abwenden und sich für ein Reiseziel entscheiden, dass seinen Bedürfnissen entgegen kommt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat Hamburgs Bürgermeister Max Brauer den Altonaer Balkon oberhalb der Elbe geschaffen. Es war sein Ziel, Bürgern und Besuchern einen ungehinderten Ausblick auf die Elbe und den Hafen zu ermöglichen. Wenige Jahrzehnte später ist von diesem Handeln in hanseatischer Tradition wenig zu erkennen.

Die Architekten von Bothe Richter Teherani haben in Allianz mit Hamburgs Senat und Bürgerschaft ein aus Beton und Stahl geschaffenes Zeichen der Ausgrenzung vollbracht. Sie schaden dem Image Hamburgs, indem sie Barrieren schaffen, die vermeidbar gewesen wären.

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19 Kommentare zu “Barriere-Freie und Hansestadt Hamburg ?”

  1. Moin, guter Artikel.

    Ich bin allerdings etwas verblüfft über die massiven technischen Schwierigkeiten beim Begutachten der Webseite. Alle möglichen Links aus der Kopfnaviagtion ergeben bei mir eine “Umleitungsschleife - Die aufgerufene Website leitet die Anfrage so um, dass sie nie beendet werden kann.”

    Wollte gerade die (Web-) Seite als Lesezeichen ablegen und weiter empfehlen, aber so wird das leider Nichts.

    #4
  2. @Markus

    Dein Besuch auf die Seite kam zum denkbar unglücklichsten Moment.
    Ich habe gestern ein Update installiert, dass dann alles zerstört hat.

    Never change a running system !

    Alle Artikel sind jetzt wieder eingestellt und die Seite ist wieder online.

    Vielen Dank für Deinen Kommentar. Vielleicht magst Du jetzt einen zweiten Blick auf die Seite wagen.

    #5
  3. Neubauten, barrierefreie und öffentlich? In Hamburg nicht immer http://bit.ly/XlcQw via Christiane http://behindertenparkplatz.de/

    #130
  4. Neubauten, barrierefreie und öffentlich? In Hamburg nicht immer http://bit.ly/XlcQw via Christiane http://behindertenparkplatz.de/

    #131
  5. Neubauten, barrierefreie und öffentlich? In Hamburg nicht immer http://bit.ly/XlcQw via Christiane http://behindertenparkplatz.de/

    #271
  6. Neubauten, barrierefreie und öffentlich? In Hamburg nicht immer http://bit.ly/XlcQw via Christiane http://behindertenparkplatz.de/

    #272
  7. Neubauten, barrierefreie und öffentlich? In Hamburg nicht immer http://bit.ly/XlcQw via Christiane http://behindertenparkplatz.de/

    #373
  8. Neubauten, barrierefreie und öffentlich? In Hamburg nicht immer http://bit.ly/XlcQw via Christiane http://behindertenparkplatz.de/

    #374
  9. “… Gehbehinderte, Kinderwagenführer und Rollstuhlfahrer werden mit großer Selbstverständlichkeit ausgeschlossen. Dieser Blick auf die Architekturperlen, mit denen sich die Hansestadt Hamburg gerne schmückt, ist lesenswert und sollte jedem Bürger zu denken geben. …”

    Manueller Trackback: http://sankt-georg.info/sammlung/811/das-dockland-an-der-elbe-barriere-freie-und-hansestadt-hamburg-zwischenzeit

    #9
  10. In meinem Blog sagt jemand, es gebe Fahrstühle. Kannst Du das erklären? Ich nehme an, sie fahren nicht aufs Dach!?

    #10
  11. Die Fahrstühle fahren nicht bis ganz nach oben. Sie sind auch nicht für die Öffentlichkeit gedacht.

    #11
  12. Barriere-Freie und Hansestadt Hamburg? http://tinyurl.com/qegfoy (Zwischenzeit)

    #129
  13. Barriere-Freie und Hansestadt Hamburg? http://tinyurl.com/qegfoy (Zwischenzeit)

    #372
  14. Das Bild bei Hamburg-Tourismus wurde soeben ersatzlos und ohne Kommentar entfernt.
    Manchmal kann ein Artikel im Blog zusammen mit etlichen Mails doch etwas bewirken.

    Das ändert leider nichts daran, dass das Dockland nicht barrierefrei gebaut worden ist.

    #15
  15. Boris aus Hamburg

    Spannende Beobachtung!

    Hat sich mal jemand darum gekümmert, wie die Umsetzung der barrierefreien Zugänge bei der Elbphilharmonie geplant ist?
    Ich spreche hier explizit die Plaza an, die öffentlich und ohne Eintrittskarte erreichbar sein soll, nämlich zwischen Speicherdach und Glasaufbau.

    In den mir bislang begegneten Plänen/ Grafiken ist immer von Rolltreppen die Rede. Und vorhandene Aufzüge sollen wohl die Parkplatzebenen (im ehem. Speicher) mit dem Konzerthaus & Wohnungsareal verbinden. Aber auch die Plaza?

    #18
  16. @Boris aus Hamburg
    Vielen Dank für den Hinweis.
    Ich habe in der Hamburgischen Bauordnung nachgelesen.

    Hamburgische Bauordnung

    (HBauO)

    Vom 14. Dezember 2005

    Zuletzt geändert am 17. Februar 2009

    §52 (2)
    1 Bauliche Anlagen, die öffentlich zugänglich sind, müssen in den dem allgemeinen
    Besucherverkehr dienenden Teilen von Menschen mit Behinderungen, alten
    Menschen und Personen mit Kleinkindern barrierefrei erreicht und ohne fremde Hilfe
    zweckentsprechend genutzt werden können.
    2 Diese Anforderungen gelten insbesondere für

    1. Einrichtungen der Kultur und des Bildungswesens,

    2. Sport- und Freizeitstätten,

    3. Einrichtungen des Gesundheitswesens,

    4. Büro-, Verwaltungs- und Gerichtsgebäude,

    5. Verkaufs-, Gaststätten und Beherbergungsbetriebe,

    6. Stellplätze, Garagen und Toilettenanlagen.
    http://www.hamburg.de/contentblob/150654/data/hamburgische-bauordnung-hbauo).pdf

    Danach ist es eindeutig, was zu beachten ist.

    #19
  17. Boris aus Hamburg

    @Andreas Bemeleit

    naja… nach der bereits dokumentierten Kostenexplosion käme es auf ein paar Zehntausen Euro für einen ggf. zusätzlichen Aufzug wahrlich nicht an.

    Aber ich bin da eben auch nur “fragend”, nicht “wissend”.

    #20

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