Muttertag - Die steirische Großmutter

Autor: Gastautor

Ich schreibe diese Zeilen zur Erinnerung an eine Frau, die ich selbst nicht kannte, und an die sich wahrscheinlich auch kaum noch jemand erinnert. Ich nenne sie einfach „die Großmutter“, denn sie war eine gute Großmutter.

Eine Blume für alle Großmüttern, an die sich keiner mehr erinnert.

Eine Blume für alle Großmütter, an die sich keiner mehr erinnert.

Ein Freund von mir, der im Jahr 1995 verstarb, erzählte immer von ihr, von seiner Großmutter. Der Freund hieß Michael. Michael wurde in der Steiermark (Trofaiach) als das Kind einer Magd geboren. Wer der Vater war, wusste niemand. Seine leibliche Mutter wollte das Kind nicht und schenkte den kleinen Michael nach der Geburt einfach her, so wie ein Paar Schuhe. Eine alte Frau im Ort, sie war so um die 70 und hatte selbst zwei eigene Kinder groß gezogen, erbarmte sich um den kleinen Michael und nahm ihn zu sich.

Michael blieb bei ihr bis zu seinem zehnten Lebensjahr. Sie hat ihn sehr liebevoll behandelt und ihm nie gesagt, dass sie lediglich die Pflegemutter ist. Alle wesentlichen Lebenseinstellungen, also das was sich gehört und das was sich nicht gehört, hat sie ihm beigebracht und ihn so zu einem anständigen und lebensfähigen Menschen geprägt.

Beim Schreiben dieser Zeilen fällt mir eine kleine Begebenheit ein, die er mir einmal über sie erzählte: Sie sagte einmal zu ihm, dass es günstig sei, oben am Kasten Zeitungspapier auszubreiten, da sich dann am Holz kein Staub ablagern kann, was den Weihnachts- oder Osterputz viel leichter macht.

Er sprach oft über sie, indem er sagte „Großmutter hat immer gesagt …“ oder „Großmutter hat das … so oder so gemacht“. Über die Großmutter zu sprechen war für ihn mit einer wohltuenden Erinnerung verbunden.

Als er zehn Jahre alt war, erkrankte die Großmutter sehr schwer und musste ins Spital. Sie wusste, dass sie nicht wiederkehren werde. Als sie bereits im Rettungswagen lag, verabschiedete sich von ihm. Sie strich ihm noch einmal liebevoll über das Haar und küsste ihn. Hernach wurde die Türe geschlossen und der Wagen fuhr ab. Seine Großmutter sah er nie wieder.

Am gleichen Tag wurde Michael von der behördlichen Fürsorge abgeholte und nach Spital am Semmering, in ein Kinderheim, gebracht. Dort war er nun die nächsten vier Jahre zu Hause. An die beiden Damen, die im Heim die Kinder bereuten, hatte er gute Erinnerungen. Die eine Dame hieß Ingrid, den Namen der anderen habe ich vergessen. Als er vierzehn Jahre alt war, musste er das Kinderheim verlassen.

Die Zeit bis zum 18. Lebensjahr, also bis zum Antritt des damals noch neun Monate dauernden Militärdienstes, arbeitete er als Kellner-Lehrling. Einige Wochen davon in Bad Gastein, im Hotel Elisabethpark. Da er gut im Rechen und Schreiben war und eine sehr schöne Handschrift hatte, wurde er in die Polizeischule aufgenommen und wurde schließlich Polizist. Ich glaube er war ein guter und tapferer Polizist, da er einmal sogar vom österreichischen Bundespräsidenten, Herrn Dr. Kirchschläger, ein Belobigungsschreiben für besondere Einsatzbereitschaft erhielt. Ich glaube er hatte einen bewaffneten Verbrecher gefasst, der einen Juwelier überfiel. Aber so genau weiß ich das nicht mehr.

Einige Jahre lang machte er Polizeidienst. Aber irgendwann überwarf er sich mit seinen Vorgesetzten und quittierte den Dienst von einem Tag auf den anderen. Was der eigentliche Grund dafür war, ist mir nicht bekannt. In diese Zeit fiel vermutlich auch die Zeit seiner HIV-Infektion. Um in einem artverwandten Beruf wieder unterzukommen, absolvierte er die, gar nicht einfache, Fahrlehreraubildung und wurde PKW- und Motorrad-Fahrlehrer.

Diesen Job macht er zwei oder drei Jahre lang, jedenfalls solange es seine fortschreitende Erkrankung zuließ. Leider war damals sein Immunstatus schon recht schlecht und außer Retrovir (AZT) gab es nichts.

Ich könnte noch viele Details und Begebenheiten über ihn erzählen, aber das würde zu weit führen. Als ich ihn zu Weihnachten 1994 besuchte, das war vier Monate vor seinem Tod, stand am Tisch eine schöne, brennende Weihnachtskerze. Er frage mich, ob sie mir gefällt. Dann fügte er hinzu, dass die Kerze für seine Großmutter brennt und er die Großmutter sehen könne, wenn er in die Flamme blickt.

Ich widme diese Zeilen allen Großmüttern, an die sich keiner mehr erinnert. Auch diese Blume sei ihnen gewidmet.

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Dieser Artikel ist ein Gastbeitrag aus Österreich.
Es gibt die Möglichkeit, hier einmalig oder auch regelmäßig zu schreiben.
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Ein Kommentar zu “Muttertag - Die steirische Großmutter”

  1. RT: @fransvonhahn Der erste Gastbeitrag im Blog bei ZwischenZeit. Muttertag - Die steirische Großmutter http://tinyurl.com/qsswb3

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