AIDS & Du - Zeig Schleife

Autor: Andreas Bemeleit

In den 1980er Jahren wurden weltweit Bluter durch Medikamente mit HIV infiziert. Mehr als 10.000 Söhne, Brüder, Väter und Partner starben an den Folgen von AIDS. Der Tod kam mit den vermeintlich lebensrettenden Medikamenten.
Profitgier der Pharmaindustrie in Verbindung mit unfähigen Aufsichtsbehörden haben den größten Medizinskandal nach Contergan verursacht.

Collage von Andreas Bemeleit

Collage von Andreas Bemeleit

Die Entwicklung der Behandlung
Die Hämophilie (Bluterkrankheit) gehört zu den seltenen Krankheiten in Deutschland. Es gibt hierzulande sechs- bis achttausend Betroffene, darunter etwa viertausend ständig behandlungsbedürftige Hämophile. Die Hämophilie beruht auf einem angeborenen, durch die Mutter auf ihre Söhne vererbten Mangel an einem Gerinnungsfaktor. Die Folge dieses Mangels ist die Unfähigkeit des Blutes, zu gerinnen.

In den sechziger Jahren begann man damit, das Defizit an Gerinnungsfaktor durch Extrakte aus menschlichem Blutplasma auszugleichen. Aber erst in den siebziger Jahren, nachdem der Faktor VIII und der Faktor IX in höherer Reinheit und Konzentration aus Spenderblut hergestellt werden konnte, begann eine einigermaßen zufriedenstellende Behandlung der Hämophilie.
Einige Jahre später war es für den Hämophilen sogar möglich, sich selbst in das intravenöse Injizieren von Gerinnungspräparaten einweisen zu lassen. Damit hatte sich die medizinische, aber auch die soziale Situation der „Bluter“ erheblich verbessert.

Bereits in den siebziger Jahren gab es in der Behandlung der Hämophilie erste Rückschläge. Viele Hämophile litten unter den Folgen einer Hepatitis, die sie sich durch die Gabe von Gerinnungspräparaten zugezogen hatten.

Anfang der achtziger Jahre tauchten in den USA erste Fälle der damals noch unbekannten und mysteriösen Krankheit Aids bei Hämophilen auf. Erst nach und nach wurden die Zeichen erkannt, die Mahnungen ernst genommen. Zu spät, wie sich im Nachhinein herausstellte, denn schon mehr als die Hälfte der behandlungsbedürftigen Hämophilen in den alten Bundesländern hatten sich mit HIV infiziert, also annähernd eintausendvierhundert Personen. Weltweit sind mehr als 10.000 Hämophile betroffen.

Der Blut-Aids-Skandal
Die HIV-Infektion von nahezu 1.400 Hämophilen bis Mitte der 80er Jahre wurde erst in den Jahren 1992/93 zum „Blut-Aids-Skandal“. Durch die engagierte Arbeit einzelner Politiker, Journalisten, der Deutschen Hämophiliegesellschaft (DHG) und anderer, unterstützt durch das mutige Auftreten einiger Betroffener wurde das Thema „HIV-Infektion durch Blutprodukte“ auf die parlamentarische Ebene und ins Licht der Öffentlichkeit gerückt.

Der Untersuchungsausschuss
Es folgten die Entlassung von Spitzenbeamten des Ministeriums und des Bundesgesundheitsamtes (BGA) durch den Gesundheitsminister, die Auflösung des BGA, die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses im Deutschen Bundestag. Der Untersuchungsausschuss arbeitete innerhalb eines Jahres die hochkomplizierte Materie auf und kam zu dem Schluss, dass Fehlverhalten der Hersteller von Blutprodukten, der Aufsichtsbehörden und Ärzte dazu geführt hat, dass ein großer Teil der Hämophilen durch verseuchte Gerinnungspräparate mit dem Aids-Virus infiziert wurde.

Die Entschädigung
Die Forderung des Untersuchungsausschusses nach einer Entschädigungslösung fand keine Zustimmung. Bundesregierung, Länder, Pharmaindustrie und das Deutsche Rote Kreuz einigten sich lediglich auf eine humanitäre Hilfsleistung. Das Gesetz über die humanitäre Hilfe für durch Blutprodukte mit HIV infizierte Personen führte Mitte 1995 zur Errichtung einer Stiftung, aus der monatliche Zahlungen an Betroffene, nach deren Tod an ihre Kinder und zum Teil an Ehefrauen geleistet werden. Die Betroffenen sind dadurch zwar finanziell weitgehend abgesichert, von Entschädigung konnte aber keine Rede sein.

Die Collage
Die Arbeit besteht aus einem handgeschriebenen Text, der das Geschehen in wenigen Sätzen zusammen fasst. Die Spritze und die Kanüle stammen aus einer Packung Medikamente für Hämophile. Der Schlauch ist gefüllt mit Blut. Dieses Blut ist von einem Hämophilen und enthält HIV und Hepatitis-C Viren.
Der Umgang mit durch HIV infizierten Blut mag für die meisten Menschen schwierig sein. Für die Überlebenden des Skandals ist es alltäglich.
Immer wieder werden sie an den Skandal erinnert. Täglich nehmen sie Medikamente, um den Ausbruch von AIDS zu verzögern. Immer wieder spüren sie die schwerwiegenden Nebenwirkungen dieser Medikamente. In unregelmäßigen Abständen erfahren sie, dass wieder ein Bluter, den sie kannten an den Folgen von AIDS oder Hepatitis-C gestorben ist.

Welt AIDS Tag 2009
Der Welt AIDS Tag 2009 steht unter dem Motto “AIDS & Du - Zeig Schleife”.
Die Schleife des infizierten Blutes kommt aus der Spritze und zeigt zurück auf den Patienten. Die Betroffenen haben nach den Anweisungen ihrer Ärzte gehandelt und auf das Verantwortungsbewusstsein der Pharmaindustrie gesetzt. Sie haben sich die Spritzen gegeben und bekamen im Gegenzug die Viren.
Sie sind es, die damit leben müssen. Niemand in Deutschland wurde angeklagt geschweige denn zu einer Entschädigung verklagt.

Widmung
Diese Collage ist Detlev gewidmet. Ich kannte ihn seit dem wir kleine Kinder waren. Er war Bluter. Er war mutig. Er war infiziert. Er war stolz auf seinen Sohn. Er war Arzt und wusste was mit ihm geschah. Er war mir immer ein wichtiger Freund und kompetenter Gesprächspartner. Detlev starb am 12.09.1995 an den Folgen von AIDS.

Literatur
Hämophilie
Blut-Aids-Skandal
Die Schwester von Detlev schreibt über ihren Bruder.
Welt AIDS Tag 2009

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3 Kommentare zu “AIDS & Du - Zeig Schleife”

  1. Das Motto des Welt-AIDS-Tag 2009 ist "AIDS & Du - Zeig Schleife" Mach ich gerne: Hier ist meine Schleife http://bit.ly/7auuWR

    #430
  2. Wie war das doch noch gleich zu Zeiten der CDU/SPD Koalition . .

    Offener Brief zur Entschädigung von HCV-Infizierten
    Der Gesundheitsausschuss hat seine Vorsitzende Dr. Martina Bunge (Die Linke.) am Mittwoch, 23. April 2008, beauftragt, Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) in einem offenen Brief die Positionen der Fraktionen zur Entschädigung der durch Blut und Blutprodukte mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) infizierten Personen mitzuteilen.

    http://www.bundestag.de/bundestag/ausschuesse/a14/HCV.html

    Jetzt wo Mutti und Guido das Wort haben sollte man nicht müde werden und nochmals insistieren, den neuen Gesundheitsausschuß

    http://bundestag.de/bundestag/ausschuesse17/a14/index.jsp
    http://www.ondamaris.de/?p=13301

    daran erinnern das eine Entschädigung immer noch aussteht.

    Diese menschenverachtende Haltung die durch die Verweigerung einer Entschädigung den Betroffenen mit pseudopolitischem Gewäsch bis heute nicht zugestanden wird ist schlicht und einfach obscön.

    Deine Collagen gefallen mir ausgesprochen gut. Mach weiter Andreas”JBeuys” Bemeleit . . :)

    #219
  3. Wut, Trauer, Enttäuschung und Blut. Alles zusammen in diesem Beitrag in meinem Blog. http://bit.ly/7auuWR

    #429

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