“Blutgeld”, Produzent Michael Souvignier, Regie René Heisig

Autor: Andreas Bemeleit

Drei Brüder, die an der Bluter-Krankheit leiden und sich durch lebensnotwendige Medikamente mit HIV infizieren, stehen im Mittelpunkt des Fernsehfilms “Blutgeld”.
Ursache der Infektionen ist der Blutkonservenskandal, der Deutschland in den 1980er Jahren erschütterte.

Der jüngste Bruder Ralf stürzt beim Radfahren. Er blutet stark. Ein neues Medikament ist in dieser Situation mehr als willkommen.
Es handelt sich um Faktor VIII, der aus menschlichen Blut gewonnen wird. Dieses Medikament ermöglicht den Brüdern ein Leben frei von der allgegenwärtigen Sorge zu verbluten.

Die drei Brüder wissen nicht, dass die Rettung durch Faktor VIII zugleich ihr Leben bedroht. Bei einem Routinetermin erklärt ihnen ihr Arzt, dass sie HIV positiv sind. Er betont, dass es nur bedeute, dass sie sich mit dem Virus auseinandergesetzt haben.
Mit dieser ersten, vom Arzt ihres Vertrauens ausgesprochenen, Lüge beginnt die eigentliche Geschichte des Films.

Es ist nicht nur die Geschichte von korrupten Ärzten, skrupellosen Mitarbeitern der Pharmaindustrie, dilettantisch agierenden Politikern und einer Interessenvertretung der Bluter bei der die Frage gestellt werden muss, wessen Interessen sie wirklich vertritt.
Wir erfahren auch, wie unterschiedlich sich die Drei mit dieser lebensbedrohlichen Krise auseinandersetzen. Die Reaktionen ihres familiären, gesellschaftlichen und beruflichen Umfeldes reichen von panischer Angst über gänzliche Verleugnung bis zu einer der Situation entsprechenden Einschätzung und den daraus resultierenden Handlungen.

Ralf will wissen, wie es geschehen konnte, dass ihm und der Mehrzahl der Bluter dieses tödliche Medikament verordnet wurde und wieso es nicht vom Markt genommen wird. In prägnanten Szenen wird erzählt, wie es die Pharmaindustrie schafft, die Angst der Infizierten vor gesellschaftlicher Isolation mit der Angst vor einem drohenden Mangel an Faktor VIII zu verbinden und zu ihren Gunsten auszunutzen.

Michael Souvignier produziert mit “Butgeld” den zweiten Spielfilm nach “Contergan - Eine einzige Tablette” über einen deutschen Medizinskandal. Es ist eine Herausforderung für Regisseur René Heisig, dieses komplexe Thema mit Auswirkungen in allen Lebensbereichen der Betroffenen umzusetzen. Mit “Blutgeld” ist es ihm gelungen. Heisig lässt den Zuschauer mit den Brüdern leiden und die menschenverachtende Art der Verursacher spüren. Heisig hat die Betroffenen früh in die Arbeit an dem Film eingebunden. Dadurch sind die Reaktionen der Schauspieler authentisch und nachvollziehbar. Max Riemelt spielt Ralf in allen Höhen und Tiefen glaubhaft. Durch ihn bekommt der Skandal ein menschliches Antlitz, mit dem der Zuschauer bangt und hofft.

Wie unterschiedlich die Partnerinnen auf die Infizierung der Bluter reagierten, wird programmatisch an zwei Frauen dargestellt. Auf der einen Seite fühlt der Zuschauer mit Marianne Seifert verheiratet mit Stefan und Mutter eines Sohnes und erlebt deren tiefliegenden Ängste vor der möglichen Ansteckung mit HI-Viren. Ihr unerträglich langes Warten auf das Ergebnis des Anti-Körper-Tests, dem sie sich unterzogen hat, wirkt wie ein Martyrium. Hiermit wird sich das Publikum identifizieren können. Dagegen agiert Martina Meissner, die eine in dieser Sache betrauten Ärztin verkörpert, selbstbewusst. Sie zeigt offen ihre kritische Haltung gegenüber der Vorgehensweise ihrer Kollegen, die Profit über das Wohl der Patienten setzen. Ganz bewusst und ohne Angst geht sie eine Beziehung zu Ralf Seifert, der Hauptfigur dieses Films ein.

Beiden weiblichen Figuren nähert sich der Film mit Empathie und ohne zu großes Pathos, beide Reaktionsweisen sind sehr gut nachvollziehbar. Jedoch bleibt Martina Meissner als Prototyp der kritisch-angstfreien, da sachlich umfassend informierten Frau im Gedächtnis des Zuschauers haften.

Noch heute leben mehrere Hundert Bluter mit dem HI-Virus. Ihnen ist dieser Film gewidmet. Es bleibt zu hoffen, dass - wie bei Contergan geschehen - nach nunmehr mehr als 30 Jahren die Zeit der Angst für alle Bluter beendet ist und sie gemeinsam einen Weg finden, die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.
Cornelia Michel und Andreas Bemeleit

“Blutgeld” am 28.10.2014 um 20:15 im ZDF mit anschließender Dokumentation.

Über die Autoren:
Andreas Bemeleit, geboren 1962, ist Bluter und durch Faktor VIII mit HIV und Hepatitis-C infiziert. Er hat zusammen mit seiner Frau Cornelia Michel das Netzwerk Robin Blood gegründet mit dem sie sich für die Rechte der infizierten Bluter einsetzen.

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